„Ältere Menschen gelten als markentreu“

Experteninterview mit Prof. Dr. Christoph Strünck

Prof. Dr. Christoph Strünck lehrt an der Universität Siegen Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik und leitet zudem das Institut für Gerontologie an der TU Dortmund. Als Vorsitzender des Beirats der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ist er nah dran an Verbraucherthemen. Wir haben ihn gefragt, in welchen Bereichen ältere Verbraucherinnen und Verbraucher besonders aufpassen sollten und wie sie für Gefahren und Risiken sensibilisiert werden können.

Herr Prof. Dr. Strünck, einer Ihrer Arbeits- und Forschungsschwerpunkte ist Verbraucherpolitik. Wer genau gehört zur Zielgruppe der älteren Verbraucherinnen und Verbraucher. Und: Gibt es eigentlich den typischen älteren Verbraucher?

Aus Sicht des Marketings sind die über 60-Jährigen die Zielgruppe der älteren Verbraucherinnen und Verbraucher. In keiner Altersgruppe wächst der Konsum so stark wie bei ihnen: Rund 30 Prozent aller Konsumausgaben entfallen auf sie. Verblüffend ist allerdings, dass abgesehen von Pharmafirmen kaum jemand um diese Gruppe buhlt. Denn ältere Menschen gelten als markentreu. Außerdem huldigt die Werbung nach wie vor dem Jugendwahn und hat ein eher negatives Bild vom Alter. Andererseits gibt es gar nicht den typischen älteren Verbraucher. Die Unterschiede in jüngeren Jahren setzen sich fort: Menschen haben ganz unterschiedliche Konsumstile und ihr Einkommen unterscheidet sich stark.

An welchen Stellen und bei welchen Themen sollten Ältere besonders vorsichtig sein?

Bei Kaffeefahrten, Gewinnreisen und Haustürgeschäften geraten gerade ältere Menschen ins Visier von Firmen, die abzocken wollen. Auch bestimmte Finanzprodukte wie Sterbegeldversicherungen werden aggressiv beworben: Einige Anbieter reden den Menschen ein schlechtes Gewissen ein, dass sie ihren Kindern „nicht zur Last“ fallen sollten. Die Produkte sind dann aber in der Regel überzogen teuer und nicht unbedingt bedarfsgerecht.

Auch in der älteren Bevölkerung gibt es Menschen, die geringe finanzielle oder auch sonst eingeschränkte Möglichkeiten haben, sich über Verbraucherthemen zu informieren. Welche Möglichkeiten gibt es, diese zu erreichen und für Gefahren und Risiken zu sensibilisieren?

Wichtig ist es, dorthin zu gehen, wo sich ältere Menschen treffen und auch über Alltagssorgen unterhalten. Der sprichwörtliche „Marktplatz“ findet sich an den unterschiedlichsten Stellen: in Einkaufspassagen, in Cafés, in Parks und Siedlungen, an Bushaltestellen oder in Büchereien. Aufsuchende Verbraucherberatung ist daher ein ganz wichtiges Konzept.

In Nordrhein-Westfalen gibt es zum Beispiel das Projekt „Verbraucherscouts“ der Verbraucherzentrale. Ehrenamtliche kommen zu Vereinen, in Begegnungsstätten oder zu anderen Treffpunkten. Dort helfen sie älteren Menschen, komplizierte Sachverhalte besser zu verstehen und Probleme mit Verträgen oder Produkten zu lösen. Allerdings läuft dieses Modellprojekt bislang nur an vier Orten: Dormagen, Langenfeld, Leverkusen und Velbert.

Wer in seiner Mobilität eingeschränkt oder hör- und sehbehindert ist, für den sind Fernsehen und Radio nach wie vor eine der wichtigsten Quellen für Verbraucherthemen.

Wie lassen sich Produkte seniorengerecht gestalten, ohne „Seniorenprodukte“ zu sein und auf was ist dabei zu achten?

Es gibt eine internationale Bewegung, die sich dem „universellen Design“ verschrieben hat. Produkte und Dienstleistungen sollten so gestaltet sein, dass möglichst viele unterschiedliche Menschen sie gleich gut bedienen und nutzen können. Das widerspricht zwar auf den ersten Blick dem Drang der Unternehmen, ihre Produkte unverwechselbar zu machen. Aber eine leichte und intuitive Bedienung von Geräten sollte ein allgemeiner Standard werden, genauso wie sensorisch wahrnehmbare Informationen oder eine höhere Fehlertoleranz. Universelles Design gehört dazu, wenn möglichst viele Menschen bis ins hohe Alter am gesellschaftlichen Leben teilhaben sollen. 

Was kann und sollte die Verbraucherpolitik in einer alternden Gesellschaft tun?

Informieren und beraten, schützen und unterstützen, aber auch fördern und gestalten: Das sind die Ansatzpunkte der Verbraucherpolitik. Konkret geht es darum, eine sichere und vertrauenswürdige Einkaufsumgebung zu schaffen, das Internet barrierefrei zu machen, Mobilität zu fördern, oder auch Ängste vor Anbieterwechseln abzubauen. Ältere Menschen bekommen häufiger keine Kredite oder müssen sehr teure Versicherungen akzeptieren. Ob es hier systematische Altersdiskriminierung gibt, muss immer wieder kritisch geprüft werden. Und in den für ältere Menschen so wichtigen Märkten wie Pflege und Gesundheit hat die Verbraucherpolitik ebenfalls eine wichtige Aufgabe: Sie kann helfen, die Position von Patientinnen und Patienten sowie ihrer Angehörigen zu stärken.

Herr Prof. Strünck, wir danken Ihnen für das Interview.

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