„Lernfähigkeit ist nicht an eine bestimmte Altersgrenze gekoppelt“

„Die typische Dreiteilung der Lebensabfolge in Bildung, Arbeit und Ruhestand ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Prof. Dr. Ursula Staudinger. Die international führende und interdisziplinär ausgerichtete Psychologin und Alternsforscherin wurde 2013 an die Columbia University nach New York berufen, wurde dort Gründungsdirektorin des Robert N. Butler Columbia Aging Centers und leitet das dazugehörige International Longevity Center (ILC). Davor war sie Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen und Gründungsdekanin des Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development (JCLL). Ihr Forschungsinteresse gilt der Veränderbarkeit des Alternsprozesses und dessen Folgen für den demografischen Wandel. Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft des langen Lebens erforscht Prof Dr. Staudinger die Potenziale des Alterns und untersucht dabei das Zusammenspiel von Produktivität und Altern sowie die Entwicklung von Lebenseinsicht, Lebensgestaltung und Weisheit über die Lebensspanne.

Die Arbeitswelt setzt inzwischen – ob wegen Nachwuchsmangel oder weil sie inzwischen ihren „Schrecken“ vor älteren Arbeitnehmer verloren hat – verstärkt auf Menschen jenseits des 50. Lebensjahres. Wie lernfähig sind Menschen im Alter (noch)? Bis zu welchem Alter können wir produktiv lernen und arbeiten? Und vor allem: Was können wir tun, um unsere geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten?

Menschen sind prinzipiell lernfähig, solange nicht schwere pathologische Prozesse vorliegen – an eine bestimmte Altersgrenze ist das nicht gekoppelt. Allerdings verändert sich die Art und Weise, wie wir lernen. Die geistigen Voraussetzungen für Lernen, etwa die Geschwindigkeit der Verarbeitung neuer Informationen, nehmen etwa Mitte 20 ab. Es gibt aber große Unterschiede zwischen Menschen. Wie sich diese Mechanismen individuell entwickeln, hängt von ihrer Bildung, ihrer Berufsbiografie, aber auch von ihrer körperlichen Fitness ab und kann auch im Alter durch Ausdauertraining wieder verbessert werden. Zusätzlich können Ältere von ihrem erworbenen Wissensschatz profitieren, der ihnen helfen kann, Neues zu verarbeiten. Mit dem Alter wird die Motivation zu lernen wichtiger – wenn man schon viel erfahren hat und weiß, will man noch genauer als in früheren Jahren wissen, wozu man sich anstrengen soll.

Für ältere Menschen werden oftmals soziale Zusammenhänge und emotional enge Beziehungen wichtiger, und daher wird Lernen, das in solchen sozialen Kontexten stattfindet, leichter. Ein Training für ein freiwilliges Engagement, z.B. die Unterstützung einer Familie als „Leihoma“ ist ein solcher Lernkontext.

Die Forderung, Beschäftigte müssten künftig „lebenslang lernen“, kommt von vielen Seiten. Tatsächlich tut das bislang kaum jemand. Woher rührt diese Lücke zwischen Theorie und Praxis?

Die Erhebungen unterscheiden sich sehr stark, je nachdem, wie „lebenslanges Lernen“ definiert wird, daher kommen für Deutschland Werte zwischen rund 8% und knapp über 45% der Erwachsenen heraus. Festhalten lässt sich aber, dass wir weit von den Spitzenreitern Skandinavien und Niederlande entfernt sind. Die international vergleichende Kompetenzmessung bei Erwachsenen, PIAAC, das sogenannte Erwachsenen-PISA, zeigt, dass Erwachsene in den dort gemessenen Kompetenzen bestenfalls im Mittelfeld liegen. Wir müssen also deutlich mehr tun, um lebenslanges Lernen für viele zu ermöglichen.

Die Arbeitswelt ist für das Lernen nach der Erstausbildung der wichtigste Bezugspunkt; hier verbringen wir die meiste Zeit und unterhalten wichtige soziale Beziehungen. So nimmt die betriebliche Weiterbildung auch einen großen Teil des Lerngeschehens ein. Für die Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen ist es schwierig, Fort- und Weiterbildung allein zu stemmen, geschweige denn eine lebenslauforientierte Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden zu betreiben. Daher ist es notwendig, dass Unternehmensverbünde sowie die Kammern und Kommunen zusammenarbeiten. Für den Einzelnen muss der Lernaufwand finanziell und zeitlich machbar sein, auch hier sind die Betriebe gefragt. Und schließlich ist es bei der Vielfalt der Bildungsangebote sehr schwer zu durchschauen, was einem einerseits individuell am besten passt – nach Vorkenntnissen, Lerntempo etc. – und andererseits im Arbeitsleben nützt. Hier fehlen eindeutig unabhängige Verbraucherberatungen und verlässliche Zertifizierungen der Anbieter.

Ist lebenslanges Lernen nicht eher nur ein Thema höherer Bildungsschichten? Wie können Menschen, die zeitlebens bildungsfern waren und für die das Lernen vielleicht auch sehr negativ besetzt ist, zum Lernen im Alter motiviert werden?

Das ist genau das Problem, dass es Menschen in unserem Land gibt, die lebenslang bildungsfern waren, wie man das nennt. Das müsste ja nicht so sein, wenn wir darauf achten, dass jeder immer wieder Lernepisoden auf dem eigenen Bildungsniveau erlebt. Damit würde man die Angst vor dem Lernen nehmen. Wenn wir beispielsweise grundsätzlich nur eine bestimmte Zeit in einer beruflichen Tätigkeit verbringen, so würde – egal auf welchem Qualifikationsniveau – immer wieder eine Lernphase anfallen, wenn man in eine neue Tätigkeit wechselt. Dieses Lernen muss dann nicht unbedingt in einem Kurs stattfinden, sondern direkt am Arbeitsplatz.

Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein, die sich durch die neuen Medien, insbesondere das Internet, für das lebenslange Lernen ergeben?

Sogenanntes E-Learning eröffnet die Möglichkeit, den Lernstoff und die Lerngeschwindigkeit didaktisch an den Lernenden anzupassen. Das kommt Älteren zugute, denn so können sie individueller lernen.

Im fortgeschrittenen Alter an einer Demenz zu erkranken, davor fürchten sich viele Menschen. Kann lebenslanges Lernen bzw. geistige Aktivität das wirklich aufhalten oder gar verhindern, wie es oft heißt?

Geistige Aktivität und Lernen sind auf jeden Fall Schutzfaktoren, auch wenn es keine Garantie gegen eine Demenzerkrankung gibt. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle: Viel körperliche Bewegung und gesunde Ernährung sind wichtig, auch soziale Kontakte können ‚schützend‘ wirken. Es hat sich jüngst gezeigt, dass sich im Verlauf von 20 Jahren die Häufigkeit, mit der Demenz in den höheren Altersgruppen diagnostiziert wird, reduziert hat.

Sie haben sich viele Jahre mit dem Thema Weisheit beschäftigt. Wann ist ein Mensch weise und vor allem: Wie wird man weise?

Weisheit unterscheiden wir von Intelligenz oder der Anzahl an Erlebnissen. Unter Weisheit fassen wir fundamentale Einsichten und Urteilsfähigkeit in schwierigen und ungewissen Fragen des Lebens. Die Wege zur Weisheit sind unterschiedlich, aber wichtig ist immer die anhaltende Bereitschaft und Fähigkeit, neue Erfahrungen zu machen, zu reflektieren und daraus zu lernen. Es braucht dazu eine ausgeprägte Motivation, das Leben wirklich verstehen zu wollen und die gegebenen Umstände zum Besseren für die Allgemeinheit weiterentwickeln zu können. Das bedeutet auch, dass man sich selbst mit unerfreulichen Wahrheiten über das eigene Leben und das Leben an sich konfrontiert. Im Durchschnitt werden wir mit zunehmendem Alter nicht weise, da nur wenige Menschen diese Motivlage haben und sich der Anstrengung des Weisheitsweges unterziehen. Mit zunehmendem Alter werden wir aber im Durchschnitt emotional stabiler, verlässlicher und umgänglicher und wir interessieren uns immer stärker für das Wohlergehen der nachfolgenden Generation. All dies sind sehr wertvolle und positive Veränderungen, die mit dem Alter kommen. Wir sollten sie aber nicht mit Weisheit gleichsetzen.

Weitere Informationen: www.ursulastaudinger.com

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